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Wirtshaus an der Lahn

Das Wirtshaus an der Lahn, von Willi Schmidt

Erzählung als Vorlage zu dem erfolgreichen Theaterstück in der Marburger Waggonhalle

 

Das Marburger Wirtshaus an der Lahn ist Legende. Über Jahrhunderte war der malerisch an der Lahn gelegene Fachwerkhof Treffpunkt für Fuhrleute, Soldaten, Studenten und Marburger Bürger. 1970 wurde das Wirtshaus an der Lahn abgerissen und stattdessen ein Hochhaus errichtet, der sogenannte „Affenfelsen“ am Fuß der Adenauerbrücke.

Mit dem Abriss 1970 setzt auch die Geschichte von Willi Schmidt ein, bei dem das Wirtshaus an der Lahn zu neuem Leben erweckt wird: Es ist spät in der Nacht. Vom Abriss steht noch eine kleine Fachwerkruine. Das Studentenpärchen Peter und Gisela hat sich hierher zurückgezogen. Der Mond leuchtet kupfernfarben und nimmt die beiden jungen Leute mit auf eine Zeitreise, aus der sie am Ende des 19. Jahrhunderts erwachen.

Mit ihnen nimmt man teil an den Schicksalen von Fuhrleuten, Studenten und Professoren, Landfrauen, Mägden und Gestrauchelten. Über die persönlichen Erlebnisse wird nicht nur ein Stück Marburger Geschichte lebendig gemacht, sondern auch ein Blick auf die Zeit kurz vor der Jahrhundertwende geworfen, mit ihren politischen und gesellschaftlichen Strukturen.

 

Textauszüge

 

Das Holz knackte, als sich Peter schwungvoll auf einen der freistehenden Balken setzte.

"Ich zieh dich hoch, das hält uns aus", lachte er zu seiner Begleiterin hinunter, die unschlüssig an der Fachwerkruine lehnte. Gisela war zierlich und ließ sich leicht von Peter hochziehen, auch wenn dieser alle andere als muskulös war, dafür aber lange Arme und auffallend große Hände hatte.

"Hier muss die Tür vom alten Wirtshaus gewesen sein", überlegte Peter laut. "Und dahinter ging es in den Schankraum. Wir schauen uns gleich noch ein bisschen um. Vielleicht finden wir dahinten, wo die Ställe waren, ein Bettchen aus Stroh für uns."

Gisela war unschlüssig: "Sieht schon unheimlich aus hier. Ist doch auch eine Baustelle. Bestimmt dürfen wir gar nicht hier sein."

"Ach klar." Peter legte seinen Arm um ihre Schulter.

So hockten die beiden Studenten dicht beieinander auf Balken, die von der Abrissmaßnahme noch stehen geblieben waren und blickten in die sternlose Nacht. Obwohl es schon nach Mitternacht war, hatte sich die Wärme des Tages noch etwas gehalten. Eine Wärme, die für die Vorfrühlingszeit ungewöhnlich hoch war, als sei es eben gerade noch Winter gewesen und jetzt, von einem Tag auf den anderen übergangslos Sommer geworden.

Die dichte Wolkendecke lockerte sich ein wenig. Der Mond schwebte als flache Scheibe hervor und färbte sich kupfernfarben.

"Schau mal, Pedro, der Mond!" rief Gisela. Sie nannte ihn Pedro. Das klang nicht nur schwungvoller, sondern auch fremdländischer, irgendwie nach weiter Welt, wie sie empfand. "Der Mond ist kupfernfarben."

"Ja und?" Peter zuckte mit den Schultern. "Kommt manchmal vor."

"Da muss ich immer an meinen Opa denken", fuhr Gisela fort. "Wenn der Mond kupfern ist, muss man sich davor hüten in den Wald zu gehen, hat er uns Kindern erzählt. Und dann fing er an, uns Geschichten zu erzählen. Von geheimnisvollen Wesen, die nachts im Wald leben und aus dem Geröll herauskommen, wenn der Mond kupfern ist."

Peter kniff sie in den Nacken und sie erschrak quiekend und lautstark, wie gewünscht.

"Das sind ja Schauergeschichten", lachte er, "ich studiere zwar keine Physik, aber ich glaube, dass hängt mit der Luftfeuchtigkeit zusammen, wenn sich der Mond so färbt. Ich mache mich da mal kundig."

In dem Moment kam es Gisela so vor, als hörte sie eine fremde Stimme, die Peter nachäffte: "Kundig, kundig", echote es.

"Lass das", erwiderte Gisela und boxte Peter leicht in die Rippen.

"Was denn? Ich habe nichts gemacht."

"Wusste gar nicht, dass du die Stimme so verstellen kannst."

"Kann ich auch nicht."

"Nicht? Bist vielleicht ein Quatschkopp." Gisela war etwas beunruhigt.

"Selber Quatschkopp." Peter kniff ihr in die Rippen und lachte. "Hörst du Stimmen? Und ich dachte ihr Theologen würdet heutzutage ganz wissenschaftlich an die Sache herangehen."

Er sprang vom Balken, hob Gisela herunter und beide ließen sich auf den weichen Grasboden fallen. Dann drückte Peter Gisela dicht an sich, seine Finger streichelten sich unter ihr Hemd und kitzelten sie, als sie ihren Bauch erreichten. Sie lachte auf. "Wenn ich mal Pfarrerin bin, werde ich auch Geschichten vom kupfernen Mond erzählen."

Peter küsste sie auf das Ohr und eine wohlige Gänsehaut durchströmte sie.

"Gisele", flüsterte er.

"Gisele, Gisele", flüsterten daraufhin sanfte Stimmen.

Und wurden zu einem Chor säuselnder Stimmen, die Peter und Gisela in den Schlaf wiegten, bevor sie anfangen konnten, sich verwunderte Gedanken zu machen.

 

(...)

 

Der erste Tag

 

1

 

Es war ein sonniger Frühlingsmorgen, als zwei ältere Herren in sorgfältiger Garderobe unschlüssig vor der mächtigen Wirtshaustür standen. Der größere der beiden strich sich über den fein säuberlich geschnittenen Schnurrbart, räusperte sich und klopfte ein drittes mal. Jetzt kräftiger. Zweimal hatte er es schon versucht, ohne dass sich hinter der Tür etwas zu regen schien.

"Zu früh, wir sind zu früh", nuschelte der Kleinere und schien erleichtert.

"Justus, Sie müssen konsequent bleiben und hartnäckig. Konsequent und hartnäckig", wiederholte der Größere mit strenger Miene und klarer Stimme.

"Ja, natürlich, Herr Professor." Justus gab sofort auf. "Aber was sollen wir denn tun?" fügte er hinzu. "Wir können doch nicht einfach die Tür einschlagen."

"Nein, das können wir nicht." Der Professor lächelte milde. "Das würde uns bei dieser Tür wohl schwerlich gelingen. Frühes 17. Jahrhundert, würde ich sagen. Beste, gut abgelagerte Eiche. Vortrefflich gearbeitet. Da würden auch die Muskelmänner vom Jahrmarkt scheitern. Nicht unser Stil, Justus. Kommen Sie, wir schauen uns mal um in diesem Etablissement."

Das letzte Wort betonte er auf besonders abfällige Weise, als sie sich auf den Weg in den Garten des Wirtshauses begaben. Justus folgte widerwillig und begutachtete seine sauberen schwarzen Schuhe, die wohl oder übel ihre Schritte auf den feuchten Grasboden setzten mussten.

Der Garten zog sich weit bis an den Fluss. Hinter knorrigen blühenden Apfelbäumen sah man träge die Lahn fließen, die Morgensonne glitzerte gemütlich auf dem Wasser.

Der hohe Herr von der Universität und sein Untergebener hatten jedoch keinen Blick für den morgendlichen Fluss, sondern erhofften sich von hinten Einlass in das Wirtshaus an der Lahn, denn sie wollten in dringender Angelegenheit die Wirtin sprechen.

Unter den kreuz und quer herumstehenden Holzstühlen und Bänken war das Gras zertrampelt, die Erde aufgeweicht, so dass Justus trotz aller Bemühungen eine leichte Verunreinigung seiner Schuhe nicht vermeiden konnte. Am Rande des verschiedenenartigen Gartenmobiliars wuchsen üppig Gräser und Büsche, ausladend gelb blühende Forsythien wechselten mit dem noch zarten Grün aufstrebender Brennnesseln.

"Über einen Gärtner verfügen die Wirtsleute wohl nicht", mokierte sich Justus. "Ist das denn erlaubt, wenn Gäste bewirtet werden, alles einfach so wachsen so lassen?" wandte er sich an seinen Herrn Professor.

"Das werden wir überprüfen, mein lieber Justus. Eine gute Anregung. Gute Anregung." Der Professor erhob die Stimme, als habe er seine Studenten vor sich im Hörsaal. "Wir müssen darauf bedacht sein, alle Eventualitäten des öffentlichen Lebens genauestens zu regeln, penibel genau, möchte ich sagen. Und wenn wir die lückenloseste Lücke entdecken, so dürfen wir nicht zögern sie sogleich mit exakt formulierten Paragraphen zu schließen. Denn es wäre denkbar bedenklich die winzigste Lücke nicht lückenlos zu schließen, ist sie doch der Keim aller Entgleisung, aller Ausschweifung, wie sie gerade hier in diesem Etablissement die jugendliche Sittlichkeit unserer Studenten erschüttert."

Justus nickte zufrieden. Sie waren am Hintereingang angekommen.

"Da", der Professor hob die Hand. "Die Tür ist angelehnt. Geh voran, mein Justus."

Aber Justus zögerte. "Dürfen wir das denn? Einfach so in fremdes Eigentum eindringen."

"Das ist ein öffentlicher Ort", erklärte der Professor. "Und sind wir denn nicht auch Hüter der öffentlichen Ordnung? Wer könnte öffentlicher die Öffentlichkeit repräsentieren als wir, die wir nicht nur die öffentliche Ordnung durchsetzen, sondern sie erschaffen zum Wohle der Öffentlichkeit. Also voran Justus. Mach die Tür auf."

Und Justus ging voran. Durch dichte Haselnussbüsche, deren Knospen schon sanft gefärbt hervortraten, durch schilfiges Gras schritt er zügig auf die Tür zu, als er über etwas großes, weiches stolperte. Der Schreck durchfuhr ihn, als er sich um sah. "Herr Professor!" rief er hilfesuchend.

Der war schon bei ihm und sah mit Justus zwei merkwürdig gekleidete junge  Menschen, ein Mann und eine Frau, neben dem Hintereingang im dichten Gras liegen.

"Was ist das denn?" fragte er sich laut und schüttelte den Kopf. Dann fiel sein Blick langsam auf die Beine der jungen Frau. Sie trug einen Rock, so kurz wie er es noch nie gesehen hatte. Auch Justus wurde von dem Anblick magisch angezogen. Seine Augen folgten den nackten Beinen der Frau bis an das Ende des Horizonts. Er seufzte schwer.

"Unglaublich", sagte der Professor. "Ein solches Ausmaß an sittlicher Entgleisung. Unglaublich entgleisend."

"Ist das denn echt?" Justus war ein wenig verwirrt. Und in seiner Verwirrung wurde er mutig. Ohne Anweisungen seines Professors abzuwarten, huschte er zu der Frau, befühlte an ihren Beinen ihre Echtheit, tastete sich voran Richtung Horizont, voller Erfüllung und Vorfreude auf ein neues, noch nie zuvor gesehenes Spielzeug.

"Die verwahrloseste Verwahrlosung die mir je zu Augen gekommen ist!" donnerte die mächtige Professorenstimme hinter ihm.

"Aber schön, so schön, och wie ist das schön", nuschelte Justus freudig erregt vor sich hin spielend und roch genüsslich an der fremden Frauenhaut.

"Justus!" Der Professor musste eingreifen.

Justus sprang sofort auf. "Ja, aber die sittlichste Vergleisung. Ja, unsittlich, meine ich. Unsittliche Verheißung." Justus schwitzte. Sein Hut war verrutscht.

Jetzt prüfte der Professor selbst die Echtheit jener Frauenbeine, hob den Rock, tastete, schnupperte, als habe er eine Witterung aufgenommen.

"Welch fremder Duft", murmelte er, "verruchte Versuchung. Teuflisch schön, hm..." Er wurde unterbrochen.