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IN DIE NEUE WELT


Willi Schmidt:

In die neue Welt

Ein historischer Roman aus Oberhessen

15,80 Euro


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Ein oberhessisches Dorf vor 100 Jahren. Nach dem Kirmes-Besuch ein paar Dörfer weiter, kommen "Burschen" und "Weibsleute" im Morgengrauen auf dem Heimweg  an den Bahnhof im Nachbardorf. Einer hat die Idee, den weiteren Weg nicht noch zu laufen, sondern mit der Bahn zu fahren. Sie schieben einen leeren Waggon vom Nebengleis auf das Hauptgleis und stellen die Weichen richtig. Bei dem Gefälle können sie auf die Lokomotive verzichten, der Wagen läuft von selbst und bringt sie nach Hause.

Mit dieser Überlieferung beginnt der Roman um die befreundeten Knechte Gotthard und Heinrich, sowie der Bauerntochter Luise. Das Dorfleben ist bis hinein in persönliche Beziehungen streng reglementiert. Als sich Gotthard, der Knecht, und Luise, die Bauerntochter, verlieben, ist das eine Unmöglichkeit. Luises Schwester wurde schon "zwangsverheiratet" und als diese stirbt, soll sie die neue Frau ihres Schwagers werden. Doch Luise ist widerspenstig, hat Träume von einem anderen Leben, und Gotthard und Heinrich haben von Auswanderern nach Amerika gehört, wo alle frei sein sollen, wo es keine Standesunterschiede geben soll...

Auf Grundlage der beiden ersten Theaterstücke der gleichnamigen Trilogie, die im Marburger Theater „Waggonhalle“ uraufgeführt wurden, steht in Willi Schmidts Roman die intensive und unangepasste Gefühlswelt der jungen Luise im Mittelpunkt, die sie aus dem Dorf weg treibt. Aber auch in der Großstadtwelt des Hamburger Hafenmilieus, in der sie mit Gotthard und Heinrich im zweiten Teil des Romans landet, findet ihre Sehnsucht keine Erfüllung.

 

ISBN: 978-3-9802133-8-7


Textauszug:

Erster Teil:

Die Gedanken sind frei

1912

Das erste Licht des nahenden Tages schimmerte über dem Wald am Hügel. Der lag bewegungslos am Horizont, eine düstere Masse, endlos und scheinbar unüberwindbar. Ein dichter Bodennebel kroch über die sommerlich trockenen Gräser und taute sie quellwasserfrisch. Aus diesem Augenblick der Stille huschten zwei Gestalten, als fielen sie geradewegs aus dem Himmel herab, stolperten über die wild gewucherten Grasbüschel am Rande der Eisenbahngleise, fanden Halt in ihren Sonntagsstiefeln auf dem groben Split des Gleisbetts, räusperten sich und gingen dann gemächlich weiter Richtung Bahnhof. Erste Vogelstimmen erklangen vereinzelt, doch schnell wurde der Chor vielstimmig.

Der Bahnhof von Dreihausen war ein schlichtes, kleines Backsteingebäude, mit einer schmalen, langgezogenen Rampe, von der Güter direkt in die Waggons transportiert werden konnten. Wartehalle und Schalterraum waren sehr ordentlich gehalten, alles war sorgfältig gefegt, auch das Pflaster vor dem Eingang zu den Gleisen hin, kein Unkraut wuchs zwischen den Fugen.
Jetzt um diese Zeit, noch dazu sonntags, war der Bahnhof natürlich nicht besetzt, nur einige wenige, leere Waggons standen verlassen im Morgennebel auf dem Abstellgleis. Die beiden Gestalten wankten müde über das Pflaster, ließen sich ächzend und stöhnend vor der Wartehalle nieder und lehnten sich an die Backsteinwand. Von der Sommerhitze der vergangenen Tage waren die Backsteine aufgeheizt, so dass selbst jetzt in der morgendlichen Frische die Temperatur noch angenehm war. Es waren zwei junge Burschen in festlicher Kirmeskleidung, die ihre Beine ausstreckten und ihre Mützen über die Stirn zogen. Der eine war schmal, hager, feingliedrig, und einige Strähnen seiner langen Haare quollen unter der Mütze hervor. Das verriet ihn als Knecht, kein Bauernsohn hätte die Haare so wild wachsen lassen dürfen. Der andere trug seine schwarzen Haare kurz, man sah es, als er seine Mütze abnahm und sich am Kopf kratzte. Er war kleiner, wirkte aber kräftiger und rülpste laut, als er seine Mütze wieder aufsetzte.
"Gotthard, Gotthard..." Der Hagere lachte leise, "war denn das Bier nicht gut oder was?" Er sprach in dem Dialekt des Landes, bei dem zumeist die Wörter langsam und bedächtig aus den Mündern rollen, mit schwerem, breit gezogenem R. Für den Dialekt sprach er auffallend klar und hell, wohingegen doch gerade die Männerstimmen gerne zum dumpfen Verschlucken der Laute neigten. Wenn die Männer denn überhaupt etwas sagten. Auch der als Gotthard angesprochene sagte zunächst gar nichts, sondern brummelte gedankenverloren vor sich hin.
Gotthard schien ganz den Stimmen der Vögel zu lauschen, als höre er noch etwas Anderes, Geheimnisvolles, nur für ihn Bestimmtes, aus diesem Gesang heraus. Heinrich, so hieß der Hagere, roch den Staub von schwerem Basalt, der selbst in der Feuchtigkeit des Morgengrauens vom kleinen Steinbruch am Rande des Hügels herüberwehte. Im Geiste sah er seinen Cousin, der mit seinen riesigen rauen Händen den Pickel in den Basalt haut, immer und immer wieder, um ihn der Erde zu entreißen. Und droaff, und droaff, bis die Funken sprühen, die Funken in die Luft, die richtig heiß wird, wie beim Schmied, und droaff, und droaff, den Schweiß vom Gesicht, von den Händen an die Hose und droaff. Mit dem Staub wehte der Schweißgeruch dem Heinrich ins Gesicht, und er wollte das nicht riechen, bohrte sich in der Nase und rotzte tüchtig auf das sauber gefegte Pflaster neben der Bahnhofstür.
Gotthard starrte vor sich hin, als zögen sich seine Augen in den Vogelgesang hinein, bis endlich eine Stimme aus dem Gezwitscher herausklang, Menschenstimme wurde, Mädchenstimme, das helle Lachen aus wirbelnden, geröteten Wangen beim Tanz, bei der Kirmespolka, und die schwarzen Strähnen der Haare, wie sie aus dem Dutt hervorlugen, wie verboten. Ja, verboten, dachte Gotthard schwer und drehte seufzend seine Glieder.
Heinrich gähnte laut und sagte: "Am liebsten würde ich einfach hier liegen bleiben."
"Warm genug ist es ja", ließ Gotthard murmelnd, kaum verständlich, die Worte aus seinem Mund rollen. Noch wärmer wäre es ja woanders, dachte er spitzbübisch hinzu und wurde wacher.
"Noch eine Stunde bis Wittelsberg", klagte Heinrich mit erhobener Stimme, als rezitierte er ein ähnlich klingendes Gedicht, das ihm noch aus der Schule im Gedächtnis geblieben war.
"Ja, ja", murmelte Gotthard und starrte jetzt auf einen leeren Waggon, der ihm direkt gegenüber auf dem Abstellgleis stand. Wie vergessen stand er dort, abgekoppelt von anderen Waggons, mit niedriger Umrandung, ganz und gar aus rostigem Eisen.
"Vielleicht geht es ja bequemer." Gotthard richtete sich triumphierend auf, sein Mund zog sich zu breitem Grinsen.
"Du meinst..." Heinrich zog sich die Mütze zurecht.
"Warum nicht."
Heinrich war Feuer und Flamme. Er sprang auf. Betrachtete den Waggon aus der Distanz, leicht geduckt, als sei er auf der Jagd und beobachte ein Tier.
"Die Schienen führen bis Wittelsberg bergab. Man müsste nur die Bremsen lösen, das ist alles. Darf bloß keiner mitkriegen, aber jetzt um die Zeit, schlafen ja noch alle, die alten Säcke." Er lachte und lief blitzschnell zu dem Waggon und packte ihn fest. Der rötliche Eisenstaub saß sofort an seinen Fingern, und er achtete nicht darauf, dass er auch an seiner guten Sonntagshose haftete.
Gotthard war noch sitzen geblieben: "Weiß du denn, wie das geht?"
"Klar", für Heinrich gab es kein Halten mehr, "habe doch schon öfter zugeguckt, bei uns am Bahnhof. Ist doch kein Problem. Komm her, steh auf, schau es dir an. Bremse lösen und fertig. Dann läuft das Ding, und wir sind schnell daheim."
Gotthard war jetzt bei ihm und suchte die Bremse. Klar, an den Rädern, die langen Hebel, die würden sie schon loskriegen, und dann auf.

Da mischten sich Stimmen und Getrappel auf dem Schotterweg am Bahnhof in den frühmorgendlichen Vogelgesang. Junge Leute, Männer und Frauen, kamen näher, redeten durcheinander, manche wankten ein wenig, einige schauten fragend Richtung Gotthard und Heinrich. Alle trugen die dörfliche Kirmestracht, die sich besonders bei den Frauen farbenfroh von der Alltagstracht unterschied. Über dem Motzen in leuchtenden Grün- und Rottönen lagen um Hals und Schulter verschieden gemusterte Tücher, gehäkelt, gestrickt oder aus Seide. Für den Oberrock, der sich auch im Sommer über mindestens einen Unterrock legte, war ein besonders guter Stoff ausgewählt worden, besetzt mit breiten, buntgeblümten Seidenbändern. Auch wenn sie mit den Männern herumalberten, achteten die Frauen in der kleinen Gruppe doch unmerklich, geradezu automatisch darauf, dass ihre kostbare Festtagstracht keinen Schaden litt. Wobei die Tracht der Bauernmädchen immer ein wenig schmuckvoller, ausgefeilter, farbenfroher sein musste als die der Mägde. Wäre es umgekehrt, sofort hätte die betreffende Magd ihre Kleidung entsprechend ändern müssen. Jetzt waren sie alle gemeinsam auf dem Rückweg von der Kirmes, Bauernkinder, Knechte, Mägde, und obwohl die Füße nach der langen Tanznacht in den nicht eingelaufenen Sonntagsschuhen und dem bislang gut einstündigen Fußmarsch allmählich schmerzten, waren alle sehr aufgekratzt. Gotthard brachte das Stimmengewirr sehr plötzlich zum Verstummen. Er rief: "Hört mal, wir haben eine Kutsche entdeckt. Jetzt müssen wir nicht mehr laufen!" Und deutete auf den leeren Waggon.
"Was?" Unverständnis wurde geäußert.
"Geht doch nicht!" Skepsis kam hinzu.
"Dürfen wir nicht." Und Furcht, Verbotenes zu tun.
Da zog sich ein junger Bursche aus weiblicher Umklammerung, schwankte heftig, hob seinen mit prächtigen Bändern bestickten Hut und zog damit einen großen Kreis in die Luft.
"He, schau der Ludwig", wurde gemurmelt.
"Tut immer brav, was der Vater ihm sagt."
"Soll doch auf seine Schwester aufpassen."
"Jetzt muss die Luise auf ihn aufpassen."
"Ja, die Luise, der Liebling des alten Bauern."
"Sagt sonst kaum ein Wort, der Ludwig."
"Nur die nötigsten Anweisungen."
"Und jetzt."
Tatsächlich, Ludwig hatte nicht nur den Hut gehoben, er redete: "Klar, wir fahren. Ahoi. Auf, auf. Heinrich, Gotthard, spannt die Kutsche an. Alle aufsitzen."
Er lachte laut, und diesmal taten Gotthard und Heinrich, Knechte auf Ludwigs Hof, sehr gern, was ihr junger Herr befahl.
Und Luise packte ihren Bruder bei der Hand, zog ihn mit schnellen Schritten vorwärts zum Waggon, bevor er es sich anders überlegen konnte, lachte hell und laut und schwang sich mit Ludwig als erste auf den Waggon. Für einen Moment vergaß sie sogar ihren kostbaren Oberrock, der ein wenig vom rostigen Staub abbekam. Die anderen folgten mit Gelärm. Heinrich mahnte zur Ruhe, nicht, dass noch jemand Wind bekam von ihrer verbotenen Fahrt.
Dann rief Gotthard: "Heinrich ist unser Steuermann. Auf, lös die Bremse! Bald schon sind wir in Wittelsberg." Und los ging es.

( ... )


Zweiter Teil:

Die lange Nacht

1913/14


Der Blick fiel auf die weißen Kirschblüten, die wie dicke Schneeflocken auf den kleinen Bäumen saßen. Kalt genug wäre es ja, dachte Heinrich, obwohl es schon April ist. Er stützte den Kopf in seine Hände, und sah über Büsche und Bäume am Ufer hinweg in das Elbwasser am Altonaer Hafen. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser. Je starrer Heinrich auf dieses Glitzern sah, desto mehr schwindelte es ihn.
"Hein, zieh den Karren mit dem Eisen zu uns rüber", hörte er seinen Vorarbeiter rufen, und er tat sofort wie ihm befohlen. Lieber den Karren schieben und das Eisen hoch hieven als am Ende der Schellfischbahn sitzen und Fische sortieren. Die Aussicht, noch lange die Eisenkarren zu schieben, war immerhin nicht schlecht. Der Bau der Hochbahn ging immer weiter, immer weiter, und solange er ein guter Arbeiter war, musste er nicht runter zum Hafen, zum Pinnasberg, und auf Tagelöhnerarbeit warten.
Wenn ich noch dran denke, als ich hierher kam. Jeden Tag gab es andere Gesichter. Und im Dorf - gab es nur das Dorf. Hatte immer gedacht, die Welt muss so groß sein. Von wegen, die Vorarbeiter sind wie die Bauern. Bloß, dass die auch wieder Vorarbeiter haben und so weiter. Aber dafür guckt mir hier auch keiner auf die Finger nach der Arbeit.
Abends geht es dann immer in die Hafenschenke. Da freu ich mich mittags schon drauf. Die neuesten Geschichten aus der ganzen Welt. Nicht wie daheim, wo die alten Weiber jeden Tag das Gleiche erzählen: "Mei Kopp, mei Beh, dey doa sauwieh."
Es gibt aber auch nicht nur Gutes hier. Neulich zum Beispiel hab ich wieder zwei auf dem Bordstein liegen sehen mit verranzten Decken zum Schlafen. Da ist da so eine feine Kutsche vorbeigefahren und extra mit richtig Schmackes in die Pfütze rein, um die nass zu spritzen. Dreckig gelacht hat es vom Bock, als die weiter sind.  Und ich hätte die am liebsten gleich da runter geholt. War so schon kalt draußen.
Was sie jetzt wohl zu Hause machen? Klar, aussäen, die Felder auflockern, was für ein Murks, wenn die Erde nach all dem Regen so richtig nass und schwer ist. Die Arbeit hier ist auch hart, keine Frage nicht. Aber hier kann man sehen, wie sich alles entwickelt. Wenn das so weitergeht mit der Hochbahn, wird die noch irgendwann bis an die Felder herangebaut, dann kann man die Ernte gleich bis hierher an den Hafen fahren. Der Bauer würde große Augen machen.

Heinrich lachte kurz auf, rückte sich seine Mütze zurecht und rieb sich die Augen. "Hätten wir ja gar nicht abhauen brauchen", murmelte er vor sich hin.